Birgit Sonna über Michel Majerus

 

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Michel Majerus, MoM Block 53
1998, Siebdruck auf Baumwolle, 160 x 140 cm (Sammlung Martin)

Enorm, welche Spannungspole Michel Majerus mit lässiger Hand zum Vibrieren bringen konnte. Allein das Bilderpaar MoM Block 53 und MoM Block 78 aus der Sammlung Martin bietet ein nicht nur stilistisch weites Repertoire auf. Ein grüner, perfekt schattierter Ball springt uns mit seiner Vakuum-Botschaft förmlich an: „Motivation“ zieht sich als werbeträchtiger Appell diagonal über die wie im luftleeren Raum schwebende Kugel. Diametral entgegengesetzt zu diesem im Siebdruckverfahren hergestellten Eyecatcher spielt Michel Majerus auf der zweiten Leinwand Graffitischriften und expressive Malereigesten gegeneinander aus. MoM Block 78 ist entsprechend seines wenig optimistischen Slogans betont nachlässig in seiner Komposition gehalten. Momente der Illusion und Desillusion, Pop-Hymnen und Ernüchterung lösen sich in radikaler Folge in den um 2000 entstandenen Werken ab. Michel Majerus rahmensprengende Bilder wirken so frisch und disparat, als seien sie in mitten in unserer bildüberschwemmten Zeit der sozialen Medien entstanden. Fast könnte man denken, der viel zu früh verstorbene Künstler aus Luxemburg habe die auf Instagram-Tauglichkeit ausgerichtete, heutige Kunstproduktion mit visionärer Gabe ironisch gegen den Strich gebürstet. Dass seine übersprudelnde Bilderfindungsgabe sowohl aus digitalen Quellen wie Computerspielen als auch aus dem Fundus von Werbung, Kunstgeschichte, Mangas und Streetart gespeist ist, war bereits zu Lebzeiten des Sampling-Meisters kein Geheimnis.

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Michel Majerus, MoM Block 78
2000, Acryl auf Leinwand, 200 x 180 cm (Sammlung Martin)

Es stimmt traurig, dass Michel Majerus (1967 – 2002) seinen so viel versprechenden Ansatz einer hierarchiebefreiten Malerei im Sinne des Web 2.0 nicht weiter treiben konnte. Die vormaligen Ideale einer sublimen Malerei waren spätestens mit der Postmoderne verloren. Majerus schlachtete spielerisch den nunmehr unübersehbaren Bildspeicher aus. Im Flow des Informationszeitalters scheinen seine expansiven Malereien über sich selbst, sprich über ihr Format in den Raum hinauszuwuchern. Schwer zu sagen, wie Majerus heute, mehr als 15 Jahre später seine Bilder generieren würde. Vermutlich würde auch er mit dem IPad malen, wie es etwa der bejahrte britische PopArt-Künstler David Hockney erfolgreich handhabt. Das Hybride bestimmt Majerus Malerei als durchgängiges Leitmerkmal. Geradezu rotzig markiert er den zeitgemäßen Virtuosen, der unterschiedslos zwischen den Ebenen des Banalen und Digitalen, Realen und Fiktiven surft. So reichen die Referenzen unseres ungleichen Bilderpaars von den Optimierungsphrasen der Werbeindustrie über lachhaftes Bad Painting bis hin zur Persiflage der Malerheroen des Abstrakten Expressionismus. Maximale Glätte und skizzenhafte Unfertigkeit sind in seinem visuell orientierten Konzeptualismus kein Widerspruch. Es ist alles eine Frage des Fluidums: „Was das ‚Abbilden‘ bei mir betrifft, geht es nicht um das Reproduzieren 1:1, sondern um die Erinnerungen und Fantasien, die dabei miteinfließen.“, sagte Majerus 1999 in einem Interview.

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Neues Museum Nürnberg, Foto: Anette Kradisch

 

Birgit Sonna