Ein Nachttraum

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Foto: Anette Kradisch

 

Wilhelm Sasnal, Ohne Titel (Drumset 1)
2005, Öl auf Leinwand, 140 x 150 cm (Sammlung Martin)

Wie jeden Donnerstag Abend ging ich in die Gescco Hall. Eigentlich war es nur ein kleiner Schuppen auf dem Gelände des Evergreen State Colleges in Olympia. Jede Menge furchtbare Bands durften darin spielen, aber dafür kostete es auch nicht viel. An jenem Abend brüllte irgendein Irrer seltsame Texte zu improvisiertem Heavy Rock. Auf dem Plakat stand „Brown Cow“. Ich musste mich betrinken. Dylan Carlson war auch dabei und schüttete aus Versehen Wein auf mein neues Melvins-Shirt.

Auf dem Weg zur Bar traf mich der Gitarrenhals des Bassisten unvermittelt an der Schläfe. Ich fiel sofort bewusstlos auf den klebrigen Boden und rollte unbemerkt unter dem Moltonvorhang der Bühnenpodeste hindurch – mittig unterhalb des Sängers blieb ich liegen. In dieser Position verharrte ich mindestens vierzig Minuten bevor ich langsam und dämmrig wieder zu mir kam.

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Foto: Michael Franz



Durch einen schmalen Spalt zwischen den Bühnenelementen konnte ich mit unscharfem Blick ein wildes Treiben erkennen. Aus den Lautsprechern tönte Pausenmusik. Ein Gast murmelte aus dem Off „Immer dieses Bill Frisell Trio“. Langsam verflog das sfumato meiner Sinne und in aller Klarheit konnte ich einen rot leuchtenden Kessel über mir erkennen. Einem Kameraschwenk gleich wanderte mein Blick über die lackierte Oberfläche aus feinstem Mahagoniholz. Magische Hande platzierten zwei weitere Kessel auf der großen Trommel und die Snare Drum schien geradezu in der Luft zu schweben. Kräftige Tiefen und reduzierte Höhen untermalten das unerklärliche Spiel. Wie leere Augenhöhlen starrte mich dieses merkwürdig schöne Konstrukt an, als wollte es mir zeigen, wie einfach sich die Cage’sche Stille uber ein Ginger-Baker-Solo stülpen lasst.

In diesem Moment packte mich jemand am Fußgelenk und kaiserschnitt mich aus meiner unverhofften Geborgenheit.

Sebastian Tröger, Künstler