Michael Franz über Jakub Julian Ziolkowski

Jakub Julian Ziolkowski hat mit einer radikal singulären Position, die abseits der in den letzten Jahren angesagten Diskurse rund um Malerei steht, seit Mitte der Nuller Jahre sehr schnell größere Aufmerksamkeit erlangt. Spätestens mit seiner Teilnahme an der kontrovers diskutierten Ausstellung „The Generational Triennial: Younger than Jesus“ (2009) im New Museum in New York erreichte er auch international einen großen Bekanntheitsgrad. In den letzten Jahren waren seine Malereien unter anderem auf der Biennale von Venedig (2013), im National Museum of Art in Peking und in zahlreichen weiteren internationalen Ausstellungen zu sehen.

2017 klingen viele der vor zehn Jahren geläufigen Schlagworte zum Thema Malerei leer, Post-Minimal, Ironie und „Network Painting“ sind zu Konventionen geworden, während die meist figürlichen, oft drastischen Bilder Ziolkowskis nach wie vor aktuell und individuell wirken. Vor diesem Hintergrund erscheint es umso interessanter, diese Arbeiten erneut einer genaueren Betrachtung zu unterziehen.

Ziolkowskis meist gegenständliche Malereien zeigen eine schier unüberschaubare Vielfalt ganz unterschiedlicher Motive ohne hierarchische Setzungen in vielfältigen stilistischen Ausprägungen und Formaten. Zentral sind die Auseinandersetzung mit dem menschlichen Körper, ja dem „Menschlichen“ an sich und der Position des Malers bzw. der Geschichte der Malerei. Mit einer wahren Bilderflut scheint der Künstler dabei geradezu manisch auf äußere Reize, kunsthistorische Sujets und Referenzen und innere Regungen und Affekte zu reagieren.

Aufgrund ihrer rätselhaft-hermetischen Arrangements und ihrer Drastik werden seine Bilder oft als surreal bezeichnet, bewegen sich an der Grenze zur so genannten „Outsider Kunst“ oder „Art Brut“ – wobei die Entwicklung von Ziolkowskis Werk und seine Rezeption und Vermittlung eindeutig belegen, dass er sich dieser, ohnehin nur imaginär zu ziehenden, Grenze stets nur geschickt annähert und auch das Spiel mit dem Abseitigen in sein künstlerisches Programm integriert.

In vielen seiner Bilder sind deutliche Bezüge zu bedeutenden Figuren der Geschichte der Malerei – von Bosch und Bruegel bis zu Ensor und Guston zu erkennen. Dabei ist Ziolkowskis Mischung aus Surrealismus, Symbolismus und Formalismus nur scheinbar „naiv“ im Sinne eines Rousseau, bei näherer Betrachtung zeigt sich eine große stilistische Souveränität und Bandbreite. Im Sinne einer kunsthistorischen Einordnung spielen neben den oben genannten Künstlern Vertreter polnischer Spielarten des Surrealismus wie Andrzej Wróblewski und der drastischen Auseinandersetzung mit der Nationalgeschichte wie Tadeusz Kantor ebenfalls eine Rolle.

Die hier vorgestellte kleine Auswahl von Werken aus der Sammlung Martin ist gut dafür geeignet, einen differenzierten Blick auf Ziolkowski zu werfen. Alle Bilder stammen aus den Jahren 2004 – 2008, die wesentlichen Aspekte, die sein Werk geprägt haben, sind bereits in diesen Malereien – mehr oder weniger deutlich entwickelt – enthalten.

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untitled (magic hat), 2007, Öl auf Leinwand, 89,5 x 70 cm

 

Etwa die groteske Körperlichkeit in untitled (magic hat) von 2007, in der ein hochgestreckter Fuß, ein keckes Hütchen balancierend, vor einem leuchtend gelben Hintergrund wie ein klassisches Portrait aufgefasst und dargestellt wird. In der kleinen unbetitelten Malerei von 2005 in der sich ein Schütze mit seiner Pistole selbst in die Hand schießt und die Flugbahn der Kugel dabei ein modernistisch-abstraktes Bildelement ergibt, scheint Ziolkowskis Bildwitz auf.

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untitled, 2005, Öl auf Leinwand, 16 x 13 cm

 

Beinahe gegensätzlich dazu wirkt untitled (2004); es zeigt im Vordergrund einer lediglich skizzenhaft angedeuteten Landschaft eine Person mit bandagiertem Kopf, die den Betrachter direkt anblickt und trotz der abstrahierten Darstellung der Bilddetails seltsam schutzlos und verletzlich wirkt.

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untitled, 2004, Öl auf Leinwand, 140 x 170 cm

 

Untitled (2006) schließlich zeigt eine surreal anmutende Atelierszene, fertig bemalte und begonnene Leinwände verschwimmen mit ihrer Umgebung, Pflanzen drohen das gesamte Setting zu überwuchern, während die im Vordergrund verstreuten Gegenstände und Farbflecken ein Eigenleben zu entwickeln scheinen. Trotzdem bilden die heterogenen Elemente ein „stabiles“ in sich geschlossenes Ganzes – Sinnbild für die Stellung des Malers, der unentrinnbar zwischen Kunst und Leben gefangen scheint?

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untitled, 2006, Öl auf Leinwand, 72 x 62 cm

 

So wird schon in diesen „frühen“ Werken – soweit man diesen Begriff angesichts des Alters des 1980 geborenen Künstlers überhaupt verwenden will – in Konturen sichtbar, was Ziolkowskis malerisches Werk in seiner Gänze ausmacht – Freiheit in der Aneignung, stilistische Vielfalt, malerische Virtuosität und nicht zuletzt Humor, inhaltliche Universalität und eine radikale Rücksichtslosigkeit gegenüber sich selbst und den Betrachtern. Diese Art von Unangepasstheit ist heute in der Kunst bzw. vor allem in ihren Institutionen und Diskursen viel zu selten Thema.

Michael Franz