Natalie Deligt über Marieta Chirulescu

 

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Marieta Chirulescu, Ohne Titel
2012, Inkjet Print auf Leinwand, 135 x 201,1 cm (Sammlung Martin)

Marieta Chirulescus Werk steht in der Tradition der klassischen Malerei. Die meisten ihrer Arbeiten sind klassische Tafelbilder. Was sie jedoch auf die Leinwand bringt und die von ihr zur Bilderzeugung genutzten Verfahren stellen eine durchaus radikale Erweiterung von Malerei dar. Ausgangspunkt ihrer Bildmotive sind eigene Malereien, Details davon, Fotografien, Scans, Kopien. In ihren meist ohne konkrete Gegenständlichkeit auskommenden Bildern verschränkt sie unterschiedliche analoge und digitale Arbeits- und Bearbeitungsprozesse, welche sie soweit offenlegt, dass der Entstehungsprozess selbst zum Gegenstand des Bildes wird.

Ob sie für Ohne Titel (2012) zu irgendeinem Zeitpunkt tatsächlich Pinsel und Farbe zur Hand genommen hat, wie es die rote Fläche in der Mitte des Bildes suggerieren könnte, bleibt offen. Das großformatige, titellose Bild ist keine wirkliche Malerei, sondern ein Druck, der allerdings auf einem Verfahren beruht, welches „handgemachte“ Malerei vortäuschen will. Eine Verheißung dieses Verfahrens ist die nunmehrige Hinfälligkeit des handgemalten oder auch selbst ausgedachten Bildes, allein schon demonstriert durch den blitzsauberen Farbauftrag. Und weshalb sollte man noch eigene Bilder erfinden, wenn man sich beispielsweise im Netz aus einem unerschöpflichen Fundus bedienen kann?

Marieta Chirulescus Bild verdankt sich einer von der Künstlerin am Computer mit digitalen Mitteln erarbeiteten Datei, das mich als Betrachterin unter anderem vor die Frage stellt, ob oder in welchem Maße das Analoge, das Haptisch-Sinnliche (noch) vorhanden oder mitgedacht ist.

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Kunsthalle Lingen, 2014, Foto: Roman Mensing



Ausgangspunkt könnte eine wirkliche Malerei sein bzw. ein Foto oder ein Scan eines Details davon. In jedem Fall wurde das malerische Etwas angeblitzt, oder irgendeine Lichtquelle reflektiert darauf und scheint die tatsächliche Farbigkeit zu verfälschen. In Wirklichkeit scheint der Ausgangspunkt aber die Ansicht einer Bildvorschau am Computer zu sein, worauf der einheitlich graue Bildhintergrund hindeutet. Das in der mutmaßlichen Bildvorschau „geöffnete“ Bild wiederum ist offensichtlich der Screenshot von einer gerade in einem Bildbearbeitungsprogramm geöffneten Datei jener monochrom-roten, malerischen Fläche.

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Eine Aussage über den Ursprung der roten Fläche und darüber, ob es sich um ein, von wem auch immer geschaffenes Stück Malerei handelt, muss spätestens ab jetzt reine Spekulation bleiben. Farbigkeit, Duktus, Format usw. könnten manipuliert sein, der Ursprung teilweise oder gänzlich verfälscht, oder alles ist ein rein digitales Erzeugnis. Und dennoch bildet die rote Fläche einen Anker für das Analoge, das Sinnlich-Reizvolle, die malerische Tradition. Sie verkörpert Malerei. – Trotz des Wissens, dass ja alles nur ein Druck ist. Marieta Chirulescu führt methodisch-klar vor Augen, was ohnehin flächendeckende Verbreitung gefunden hat: Das Analoge wird gegen das Digitale ausgespielt und umgekehrt, und doch ist das eine ohne das andere nicht mehr denkbar. Die Schnittmenge ist Realität und Alltag.

Natalie de Ligt, Autorin und Kuratorin